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Lost Places Teil 2: Die Johanniter-Heilstätte bei Sorge9 Minuten Lesezeit

Lost Places Teil 2: Die Johanniter-Heilstätte bei Sorge9 Minuten Lesezeit

Stolz thront die ehemalige Johanniter-Heilstätte auf dem Ochsenberg. Je näher man kommt, desto mehr sieht man den Verfall der einst prachtvollen Heilstätte.

Die Johanniter-Heilstätte

Auf dem Ochsenberg im früheren Osten liegt die Johanniter-Heilstätte idyllisch im ehemaligem Fichtenwald zwischen dem Dreieck der Orte Sorge, Benneckenstein und Hohegeiß. Insbesondere die klimatischen Verhältnisse des Ortes gaben den Ausschlag für den Bau.

Das Gelände ist größtenteils eingezäunt und videoüberwacht. Am Eingang befindet sich ein großes Tor neben einem Eingangshäuschen. Dort kann man klingeln, um Eintritt zu bekommen. Pro Person kostet es fünf Euro. Wir konnten alleine durch die Gebäude streifen. Nur ein Gebäude war uns verschlossen.

1. Die Geschichte der Lungenheilstätte

1.1. Schwieriges Bauvorhaben

1899 wurde es vom Johanniterorden als Lungenheilstätte für 60 an Tuberkulose erkrankte Frauen auf dem Südhang des Gipfelplateaus des 562m hohen Ochsenberges errichtet. Das 45 Morgen große Grundstück wurde auf 50 Jahre gepachtet.

Die Architekten Heino Schmieden und Julius Boethke entwarfen die Baupläne.

Bis zum dritten Geschoss wurden die Mauern in Granit erstellt. Zwei gleichförmige Außengebäude, in der Mitte einen Zentralbau mit Glockenturm, in deren Obergeschoss eine Kirche eingebaut wurde.

Die Krankenzimmer und die Liegehallen wurden nach Süden ausgerichtet. Es gab einen Wintergarten, eine Bibliothek und mehrere Aufenthalts- und Tagesräume.

1.2. Die Einweihung

Am 26. Juni 1902 fand die feierliche Einweihung der Lungenheilstätte in Gegenwart des Herrenmeisters Prinz Albrecht von Preußen statt. Bereits im August trafen die ersten Patientinnen ein.

1.3. Das Chefarzthaus

1903 wurde ein Wohnhaus für den ersten Chefarzt Robert Heinrich Johannes Sobotta errichtet. Das Diakonissen-Mutterhaus des Johanniterordens in Halle stellte die Schwesternschaft.

1905 bekam Sobotta einen Assistenzarzt zur Seite gestellt, 1906 übernahm der neue Chefarzt Naegelsbach die Klinik. 1908 übernahm Hans Pigger die Leitung der Klinik bis 1940.

2. Die Geschichte der Heilstätte

1909 wurden Röntgen- und Pneumothorax-Apparate angeschafft. Damit war die Heilstätte auf dem modernsten Stand. Pigger wandte als einer der ersten Lungenärzte 1909 die Lungenkollapstherapie an. Der Johanniterorden unterstützte ihn in jeder Hinsicht beim Umbau.

2.1. Der Erste Weltkrieg

Auch der Erste Weltkrieg stoppte die Arbeit der Klinik nicht. Inzwischen konnten 88 Patienten behandelt werden.

1925 entstand das sogenannte „Oberhaus“, das als Gästehaus genutzt wurde.

1926 wurde das bisher gepachtete Gelände gekauft. Weitere Bauarbeiten wurden fortgesetzt, indem das Hauptgebäude auf der Westseite einen großen Anbau erhielt. Darin konnten weitere 45 Patientinnen untergebracht werden.

Am 1. April 1927 wurden die Operationssäle in dem Neubau untergebracht. Aus dem “Sorgenhaus” war ein modernes Lungenkrankenhaus geworden. Zehn Schwestern und ein dritter Assistenzarzt betreuten 130 Patientinnen.

2.2. Viele Umbauten folgen

1930 erfolgte mit dem “Gelben Haus” eine weitere Erweiterung auf 165 Betten. 1937 begann ein weiterer Neubau, der 1938 fertiggestellt wurde. Dort wurden neben weiteren 25 Patientinnen die Oberärzte und einige Angestellte untergebracht.

1938 war der Ausbau der Heilstätte abgeschlossen, die Kapazität von 180 Krankenbetten blieb konstant.

2.3. Der Zweite Weltkrieg

Auch der Zweite Weltkrieg stoppte den Betrieb der Heilstätte nicht. In den frühen 1950er Jahren wurden die aus Vorkriegszeiten bekannten Dimensionen wieder erreicht.

1951 wurden die letzten Lungenoperationen durchgeführt. Bis 1961 sank die Zahl der Patientinnen von 180 auf nur noch 120 aufgrund verbesserter hygienischer Verhältnisse. Dadurch gab es ernste wirtschaftliche Probleme im Betrieb. Deshalb wurde 1962 beschlossen, auch männliche Patienten aufzunehmen. Das brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Im Juni 1940 starb plötzlich der Oberarzt Pigger und Volker Grosse aus Berlin trat die Stelle des Chefarztes an..

2.4. Die Schließung der Heilstätte

Im November 1967 bekam die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen durch die Bezirksregierung Magdeburg die Order, die Heilstätte in Sorge aufzulösen. Am 31. Dezember 1967 wurde der Betrieb eingestellt, das Haus musste rasch geräumt werden.

2.5. Die “Faultierfarm”

Nach der Schließung wurden die Gebäude zu einem Kur- und Erholungsheim für die NVA und die Grenztruppen der DDR eingerichtet.

Im Kirchenraum befand sich nun ein Kinosaal.

Das als “Faultierfarm” benannte Gebäude bekam hochkarätige Kurgäste wie Heinz Hoffmann, dem Armeegeneral und Minister für nationale Verteidigung der DDR, der mal mit seiner Familie, mal mit anderen Damen zu Besuch kam. Dafür wurde sein Domiziel mit eigener Küche und einem Bad mit Glasfliesen ausgebaut.

2.6. Neue Verhältnisse

Als 1989 die Wende eintrat und die NVA aufgelöst wurde, bekam zum 3. Oktober 1990 die Bundeswehr die Nutzung übertragen. Da die Bundeswehr nicht interessiert war, bekam der Kreis Wernigerode bis zum 31. Dezember 1991 die Verwendung. Erst 1992 kam es zur Rückübertragung der Heilstätte durch das Bundesvermögensamt an den Johanniterorden.

1992 standen die damals baulich gut erhaltenen Gebäude einige Zeit leer. Fünf ehemalige Angestellte übernahmen die Bewachung und die Vorbereitung der Besitzübergabe des Areals.

2.7. Die Rückübertragung

Die Rückübertragung des Objektes an den Johanniterorden stellte diesen vor große Probleme. Da die Gebäude dank ihrer massiven Bauweise in einem guten Zustand waren, überlegte man, wieder eine Klinik zu eröffnen. Aber dafür musste eine hohe Investitionssumme aufgebacht werden, um den westdeutschen Klinik-Standard zu erfüllen.

Aufgrund des Alters waren hohe Erhaltungskosten zu erwarten, und der Johanniterorden sah sich durch die vielen rückübertragenden Objekte nicht in der Lage, die Kosten dafür aufzubringen.

Die Pläne als Nutzung eines Kinderheims, eines SOS-Kinderdorfs oder eines Müttergenesungsheims wurden nicht verwirklicht.

Ein Interessent, der die Gebäude erneut als Krankenhaus nutzen wollte, bot zu wenig Geld für das Objekt. Der Johanniterorden erwartete mindestens drei Mio. DM, das Gebot lag aber darunter.

2.8. Das Ende aller Pläne

Inzwischen sind die Gebäude verfallen, Teile des Daches sind eingestürzt, alle Fenster sind zerbrochen. Wasser- und Elektroleitungen wurden entfernt, genauso wie die Einrichtungsgegenstände.

Ein Paar hat das Gebiet für 30 Jahre gepachtet und öffnet Besuchern gerne gegen ein geringes Entgelt die Tore.

Die Ruine stand 2016 für den Film Ostzone als Kulisse für eine fiktiven Geschichte zur Verfügung.

3. Die Behandlung

Für die Freiluft-Liegekur nach Hermann Brehmer und Peter Dettweiler wurden die erste Waldliegehallen aufgestellt.

1909 wurde die Lungenkollapstherapie eingeführt. Ab 1927 bot sich hier die Möglichkeit chirurgischer Eingriffe (Thoraxchirurgie). 1951 wurden die letzten Lungen-Operationen durchgeführt.

3.1. Die Kosten einer Behandlung

Für ein Einbettzimmer muste man 1930 sieben Mark, für ein Zweibettzimmer sechs Mark und für ein Drei- und Vierbettzimmer fünf Mark täglich aufbringen. Dafür gab es volle Verpflegung, ärztliche Behandlung, Heilbäder, Abreibungen und mehr. Die Lungenheilkur erstreckte sich über mehrere Monate, ein Minimum von 105 Tagen war Grundvoraussetzung.

Die meisten Patientinnen mussten die Kosten der Heilkur selbst tragen. Für einige Wenige ab es Zuschüsse vom Orden.

3.2. Die Statistik

1909 gab es durchschnittlich 249 Patientinnen im Alter von 20-35 Jahre von denen 161 mit Erfolg behandelt wurden. Bei 72 wurde eine dauerhafte Besserung erreicht.

5. Was ist Tuberlukose?

KrankheitDie Tuberkulose benannt von dem Würzburger Kliniker Johann Lukas Schönlein wegen des histopathologischen Bildes ist eine weltweit durch Bakterien verbreitete Infektionskrankheit.

Der deutsche Biologe Robert Koch entdeckte den Erreger Mycobacterium tuberculosis und präsentierte ihn am 24. März 1882 der Öffentlichkeit.

5.1. Die Infektion der Lunge

Die häufigste Erkrankung ist die Infektion der Lunge. Die offene Lungentuberlukose wird durch Tröpfchen (Aerosole) durch Husten und Niesen von Mensch zu Mensch übertragen.

5.2. Die Infektion von Organen

Bei der Verbreitung über die Lymph- oder Blutbahn, können auch andere Organe befallen werden, wie Lymphknoten, Rippenfell, Nieren oder Harnwege. Seltener sind Knochen, Gelenke, Wirbelsäule, Verdauungstrakt oder das zentrale Nervensystem betroffen.

5.3. Die Miliartuberlukose

Die gefährlichste Verlaufsform ist die Miliartuberkulose, bei der mehrere Organe befallen werden. Die tuberkulöse Hirnhautentzündung ist besonders gefürchtet.

5.4. Die Tuberlukose im Jahr 1900

Besonders in Notzeiten verbreitete sich die als Schwindsucht bezeichnete Krankheit durch ungesunde Lebensumstände, starkes Zusammenleben vieler Menschen auf engstem Raum, mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung.

Bis zur Entdeckung und Anwendung von Antibiotika verliefen die meisten Fälle tödlich. Dabei wird in dem damals auflagenstärksten illustrierten Blatt Deutschlands, der Gartenlaube, angegeben, dass der siebte Teil der Menschheit der Lungenschwindsucht erliegt.

“Der siebte Teil der Menschheit erliegt der Lungenschwindsucht, dass, um Zahlen in ihrer brutalen Nüchternheit sprechen zu lassen, in Deutschland jährlich durchschnittlich 160 000 Menschen dieser bisher ungezügelten Krankheit zum Opfer fallen, und dass diese sich größtenteils in einem sonst in der Vollkraft der Entwicklung stehenden Lebensalter befinden.”

6. Die Lungenheilstätten

Im Jahr 1854 wurde von Hermann Brehmer die Lungenheilstättenbehandlung eingeführt. Wegen der hohen Infektionsgefahr befanden sich die Lungenheilstätten abseits von Orten. Sie besaßen meist große Sonnenterrassen und Gärten.

6.1. Die Therapie

Bereits 1891 wurde von dem französischen Chirurgen Théodore Tuffier die Pneumolyse eingeführt. Dabei führte man absichtlich einen Lungenkollaps herbei. Die Komplikationen waren sehr hoch. Von fünf Patienten starben drei nach kurzer Zeit.

Normalerweise bestanden die konservativen Maßnahmen aus Einhalten einer strengen Bettruhe, Freiluftkuren bis zur Aerosoltherapie.

Ab 1949 begann man mit der Lungenchirurgie. Durch die Entwicklung des Antibiotikas konnte die Geißel gestoppt werden. Aber trotz allem, verschwunden ist die Tuberkulose nicht. Seit einigen Jahren ist sie durch resistente Bakterien wieder im Kommen.

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Weitere Artikel zum Thema im Internet:
→ Johanniter-Heilstätte Sorge – Willkommen auf unserer Reise in die Vergangenheit: Vergessenes Dasein
→ Die Preußischen Lungenheilstätten: Dissertation A. Jüttermann

→ Wilhelm Conrad Röntgen – Das der Strahlen-Pioniere: Spiegel
→ Kurze Geschichte des Röntgen: Radiologie 24
→ Die Tuberlukose im Wandel der Zeiten: MT im Dialog
→ Die Tuberlukosebekämpfung im Wandel der Zeiten: Imabe.org
→ Tuberkulose Fachportal für Wehrmedizin: Humanmedizin Tuberlukose

 

Die Johanniter-Heilstätte

Autor

Marion Klüter
Marion Klüter ist Multimedia-Fachfrau und Bloggerin. Sie unterhält zwei Blogs mit unterschiedlichen Schwerpunkten, da sich beide Themen nicht miteinander vereinen ließen, denn Wut und Kreativität passen schlecht zueinander. Seit einiger Zeit sind ihr Verlobter und sie stolze Besitzer eines Riesenschnauzers. Trotz vieler Rückschläge in ihrem Leben hat sie den Humor nicht verloren und lacht weiterhin gerne, auch über sich selbst.

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